Predigt zum 6. Sonntag der Passionszeit: Palmsonntag, 5. April 2020

 

Predigtreihe zum Johannesevangelium

 

 

„Wichtige Details“

 

 

Liebe Gemeinde!

 

Gelegentlich kommt es wirklich auf die kleinen Details an. Sie gehen schnell mal unter in der Fülle der bestimmenden Nachrichten. Wir erleben das gerade an der Flut der Nachrichten, die sich mit der Corona-Pandemie beschäftigen. Alles ist scheinbar gleich wichtig, jeder Nachrichtenkanal will auch hier noch früher und noch genauer informieren.

 

Die wichtigen Nachrichten zur rechten Zeit so streuen, dass sie möglichst viele Menschen erreichen, das kennt auch unsere Bibel. Ein gutes Beispiel dafür ist die Schilderung vom Einzug in Jerusalem.

Dieses besondere Ereignis wirkt bis in unsere Zeit deutlich nach: Der Sonntag heißt „Palmsonntag“ und mancherorts wird der Tag mit einer Prozession gefeiert.

Schon im Mittelalter entstanden geschnitzte Skulpturen, die Jesus auf einem Esel reitend zeigen. Bis heute werden in der Katholischen Kirche Palmzweige gesegnet und unter den Gläubigen verteilt. (Die alten Palmzweige vom Vorjahr werden übrigens für den Aschermittwoch verbrannt und die Asche dann den Gläubigen auf den Kopf gestreut.)

 

Es ist in der Passionszeit ein besonders positiver Tag, der von einem Ereignis berichtet, an dem damals viele Menschen gejubelt haben und voller guter Hoffnungen waren.

Das könnten wir gerade jetzt auch brauchen. Es täte gut, wieder unbeschwert beieinander zu stehen, ohne auf Abstandregeln achten zu müssen, oder darauf, dass sich nicht zu viele Menschen versammeln. Es täte gut, miteinander zu feiern wie 2014 zur gewonnenen Fußball-Weltmeisterschaft oder noch an Silvester zum Jahreswechsel.

 

Schauen wir ein wenig auf diese Versammlung von Menschen, die sich damals gefunden hat, um Jesus in Jerusalem zu begrüßen. Eine Szene, die seine Gegner zu der enttäuschenden Einsicht brachte: „Ihr seht, dass ihr nichts ausrichtet; siehe, alle Welt läuft ihm nach.“

 

Betrachten wir einmal die Worte des Johannesevangeliums zu diesem Ereignis.

Joh 12,12-19:

 

Als am nächsten Tag die große Menge, die aufs Fest gekommen war, hörte, dass Jesus nach Jerusalem kommen werde, nahmen sie Palmzweige und gingen hinaus ihm entgegen und schrien: Hosianna! Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn, der König von Israel!

Jesus aber fand einen jungen Esel und setzte sich darauf, wie geschrieben steht (Sacharja 9,9):

"Fürchte dich nicht, du Tochter Zion! Siehe, dein König kommt und reitet auf einem Eselsfüllen."

Das verstanden seine Jünger zuerst nicht; doch als Jesus verherrlicht war, da dachten sie daran, dass dies von ihm geschrieben stand und man so an ihm getan hatte.

Die Menge aber, die bei ihm war, als er Lazarus aus dem Grabe rief und von den Toten auferweckte, bezeugte die Tat.

Darum ging ihm auch die Menge entgegen, weil sie hörte, er habe dieses Zeichen getan.

Die Pharisäer aber sprachen untereinander: Ihr seht, dass ihr nichts ausrichtet; siehe, alle Welt läuft ihm nach.

 

Der Palmsonntag hat seinen Namen aus dem Johannesevangelium, denn nur dort wird berichtet, dass es Palmzweige waren, die die Menschen zur Begrüßung geschwenkt haben. Ein kleines aber wichtiges Detail. Der Palmzweig war damals ein politisches Symbol. Es stand für das freie Judäa bzw. Israel. Was heute der Davidsstern ist, war damals der Palmzweig.

Die Menschen schwenkten also eine Art Freiheitsfahne zur Begrüßung von Jesus. Und das zeigt, was sie von ihm erwartet haben. Sie rufen es sogar: Hosianna! – „Hilf uns!“ und jubeln ihm als dem „König von Israel“ zu. Das war auch eine offene Provokation gegenüber der römischen Besatzungsmacht.

 

In der jubelnden Menge lebt die Erwartung des Messias, des neuen Herrschers über ein freies Israel. Und sie haben allen Grund dazu, denn wer außer dem Messias sollte einen Toten, wie Lazarus, auferwecken können? Menschen, die bei der Auferweckung von Lazarus dabei gewesen waren, bestätigten die Wahrheit der Geschichte.

 

Eine Demonstration und damit große Aufmerksamkeit für Jesus, die anderen nicht gefallen hat. Die Pharisäer waren zumindest neidisch, denn nach ihrem Verständnis hätte sich der Messias viel strenger an das jüdische Gesetz gehalten. Sie müssen machtlos mitansehen, wie dieser freizügige Jesus von Nazareth bejubelt wird.

Die Priesterschaft in Jerusalem fürchtete dagegen, dass es zu Unruhen kommen könnte. Man wusste, wie die Römer auf so etwas mit Gewalt reagieren würden.

Ein Blutbad ausgerechnet am Passafest wäre eine Katastrophe.

 

Jesus setzt in dieser Situation ein ganz eigenes wichtiges Detail: Er reitet auf einem jungen Esel. Taugen schon erfahrene Esel nicht dazu, um auf ihrem Rücken eine Revolution anzuführen, dann ein junger Esel erst recht nicht.

Man stelle sich einmal das Reiterstandbild von Friedrich dem Großen mit einem Esel vor, oder Kaiser Wilhelm II. – der Bildhauer wäre anschließend arbeitslos, mindestens.

Jesus setzt einen ganz eigenen Akzent, den zunächst nicht einmal seine Jünger verstehen. Er tut, was im Buch des Propheten Sacharja prophezeit wurde: Er bringt den Frieden nach Jerusalem – und nicht die Revolution.

 

So ein Signal kann im Eifer schon übersehen werden – erst recht von einer großen jubelnden Masse. Wir wissen doch, dass auch in einer jubelnden Masse ganz unterschiedliche Erwartungen und Ziele mitschwingen. Die einen begeistern sich für guten Fußball, die anderen grölen rassistische Parolen oder Beleidigungen.

Die einen demonstrieren für den Frieden, die anderen demonstrieren für eine andere Gesellschaftsordnung. Ein wichtiger Unterschied.

 

Solche unterschiedlichen Erwartungen finden wir in den christlichen Kirchen bis heute.

Manche Kirchen sind sehr nationalistisch orientiert. Da steht offensichtlich die eigene Nation auch über dem friedlichen ökumenischen Miteinander.

Andere Kirchen setzen auf die Wirkung von Masse und feiern ihre Versammlungen und Gottesdienste fast nur als Massenveranstaltungen.

Wieder andere Kirchen schlagen ganz aktuell laute Töne gegen das Corona-Virus an, das sie für ein Werk des Teufels halten.

 

Laut – mit Masse – andere Ziele. Die christlichen Kirchen haben bis heute mit diesen verführerischen Methoden ihre Probleme. Denn es sind die Methoden derer, die lieber auf einem Pferd sitzen als auf einem jungen Esel.

Darum ist der besondere Blick auf den Palmsonntag immer wieder wichtig.

Gerade hier in der Schilderung des Johannesevangeliums wird klar, wie sehr die Erwartungen der Menschenmasse und die Zeichen von Jesus auseinander lagen.

 

Wer hat sich denn mit seinen unterschiedlichen Erwartungen durchgesetzt? Jesus oder die jubelnde Menge?

Zunächst die jubelnde Menge, wie die Pharisäer bemerken. In ihren Augen ist er zwar der Falsche, um die Rolle des Messias einzunehmen, aber sie sehen ganz richtig: Masse schlägt Klasse. Allein der große Jubel macht noch keinen wahren Messias. Die Pharisäer haben damit recht – aber auch sie übersehen die wichtigen kleinen Details.

Der wahre Messias zeigt sich nicht darin, dass er sich an Gesetze hält. Er zeigt sich nicht darin, welchen Umgang er pflegt. Er zeigt sich darin, dass er im Frieden kommt.

Bei den Menschen heißt das ja oft: Frieden ja, aber erst, wenn mit bestimmten Leuten abgerechnet wurde. Frieden müsse man sich erkämpfen. Und doch gibt es dabei wieder Opfer.

 

Bei Gott heißt das anders: Gott begegnet allen Menschen mit Frieden – auch den Kritikern, auch den Unzufriedenen, auch denen, die sich von ihren Denkstrukturen nicht lösen wollen. Aber der Einzige, mit dem Gott abrechnet, oder der Tod. Und das einzige Opfer dafür bringt Gott selbst: das Lamm Gottes.

Das ist der einzige Grund, der Jesus nach Jerusalem geführt hat. Gottes Liebe nimmt alles auf sich, sogar den Tod, damit wir das Leben haben.

 

Hätten wir das wirklich verstanden, dann würden christliche Kirchen nicht aufeinander schimpfen, sich nicht aus dem Weg gehen, sondern miteinander ohne Einschränkung feiern. Christen würden sich nicht gegenseitig als Sektenanhänger oder Wüstgläubige bezeichnen, sondern miteinander dem Frieden dienen und den Frieden feiern.

 

Gottseidank tun das auch schon viele! Christliches Leben zeigt sich auch in vielen Zeichen und Taten des Friedens. Es sind viele Menschen, die die wichtigen Details verstanden haben und beherzigen.

Es dürfen noch viel mehr werden.

 

Amen.